Nachlese on3 Festival

Nachdem im letzten Jahr das on3 Festival einen kräftigen Durchhänger hatte und bis auf Ghostpoet nichts länger in Erinnerung blieb, waren dieses Jahr einige sehr gute Auftritte dabei.

Den Einstieg machten bei meinem gewählten Timetable Stealing Sheep aus Liverpool im Studio 1. Setup: Keyboard und Synthie, reduziertes Drumset, das im Stehen bespielt wurde, Gitarre. Daraus wurden sehr vertrackte Songs gezaubert, leicht melancholisch, sehr kreativ. Der Synthie von Rebecca Hawley dient als Bassersatz und schaffte wuchtige Elemente in ansonsten recht fraglichen Arrangements. Lucy Mercer am Drumset spielte abwechslungsreich mit zahlreichen Tempiwechseln und Synkopen, die aber nicht beliebig gesetzt wurden, sondern immer mit dem Gesang harmonierten. Emily Lansleey an der Gitarre erinnerte oftmals an Eric Clapton, die gewählten Effekte verstärkten diesen Eindruck. Insgesamt eine sehr reife Truppe junger Frauen, die auf der Bühne vergleichsweise komplex instrumentierte Songs einfach rüberbrachten und viel Freude dabei ausstrahlten. Ein herausragender Einstieg in ein Festival.

on3 x coltran – Festivalplaylist

Danach wechselten wir in die Kantine – und erfroren auf dem Weg dorthin durch den Hof beinahe – um rechtzeitig zu Fenster dort zu sein. Eine Band, bei der mir gar nicht mehr bewusste war, wie viele Songs ich bereits kannte und gut fand. Die etwas kleinere Bühne kam dem reduzierten Sound zugute: Wenn man sich darauf einließ, wurde man von den nicht unverwechselbaren, aber sehr schönen Stimmen von “JJ” Weihl und Jonathan Jarzyna in eine Traumwelt entführt.

Danach war mir nach etwas mehr Party zumute, immerin war es bereits 23 Uhr. So ging ich zurück in Studio 1, weil ich mir von DENA nach der “Lektüre” diverser Videos eine ähnliche Bühnenparty erwartete wie von Ebony Bones und Konsorten in den Jahren zuvor. Stattdessen sah ich eine zu große Bühne für den dünnen Sound, der aus den Computern kam. Denitza Todorova konnte in meinen Augen die Energie, die in den Songs steckt, nicht rüberbringen. Zudem habe ich ein Problem mit vorgefertigten Songs aus der Drummachine – einziges und notwendiges Gegenbeispiel sind The Kills – ich fühle mich da immer etwas betrogen, zumindest live. Aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass DENA große Freude machen kann – live eventuell in anderem Ambiente, aber auf alle Fälle “on the record”! Also reinhören!

Also wechselte ich lieber zu Micachu in Studio 2, die kannte ich zwar bereits und wusste somit, welch wirrer Sound mich da stellenweise erwarten würde. Und Frontfrau Mica Levi gab alles: O-beinig, mit zu großem Herrenhemd stand sie da, der Rücken gekrümmt, Mundwinkel nach links oben gezogen. Die Stimme nöhlte und röhrte, Punk als Attitüde. Man mag gar nicht glauben, dass aus diesem Trio solche Songs kommen können. Doch die Keyboarderin Raisa Khan bringt die Vielzahl an abwegigen Geräuschen und Samples mit, für die die Band zurecht berühmt ist. Doch das ist nur die eine Seite, denn die exzellenten Rhythmen von Drummer Marc Pells sind nötig, um den Vorwärtsdrang der Band in Bahnen zu lenken. Immer noch ein irres Stück Musik, wenn man ein Faible dafür hat.

Sinkane ist quasi die Quintessenz des charismatischen “Drummers” Ahmed Gallab, der bei Of Montreal, Caribou und Yeasayer mitwirkte. Dementsprechend betont wird die Percussion in dem Sound, der von den vier Leuten auf der Bühne kreiert wird. Man tut sich ziemlich schwer mit den üblichen Genreschubladen, man hört Elemente des Free Jazz, Funk, zum Teil gehen die Songs in die Reaggae-Spielart über, die in den 70ern von britischen Bands adaptiert wurde; aber auch der Gaze, der die letzten Jahre aus den USA die Welt eroberte, hat in den fließenden Übergängen der Songs seinen Platz. Auch wer Organisation mochte, wird sich hier stellenweise bestens unterhalten wissen. Weg mit den Schubladen, zurück bleibt überraschend tanzbare Musik, die viel aus dem Wechselspiel der Gitarren und dem samtweichen Gesang Gallabs zieht.

Den Abschluss machten Whomadewho, von denen ich wenig erwartete, da ich die Alben beim Anhören zuhause meist eher langweilig fand. So war ich nicht darauf vorbereitet, dass dort derartige Rampensäue das Studio 1 rocken würden. Bühnenpräsenz wie Kaizers Orchestra oder Eagles of Death Metal, dazu präzises Spiel von Gitarre und Bass. Insbesondere Jeppe Kjellberg spielte mit dem Publikum, er dramatisierte, er unterhielt es mit kleinen Mätzchen, er baute Spannung auf, er erlöste es mit dem verzögerten Refrain. Großartige Liveband!

Und ein würdiger Abschluss eines Lineups, das mir mit viel Tanzbarkeit, aber auch anspruchsvollem Songwriting Freude machte.