Konzertplakate: Andrew & Matt McCracken

Andrew & Matt McCracken sind zusammen Doublenaut. Ihre Plakate gefallen durch akzentuierte Farbwahl sowie viel Einsatz von Überlappungen und negative space, ehemals auch Vexierbild genannt. Abwechslungsreich sind die verwandten Stile, ein hitchcockesques Plakat wie das von Coliseum und das chillwavige von The Wooden Sky verlangen doch ein gewisses gestalterisches Repertoire.

In loser Reihe werden hier Konzertplakate von einem ausgewählten Gestalter vorgestellt. Denn jene sind eigentlich omnipräsent, werden aber nur selten gewürdigt, sodass vielfach die Qualität nachlässt. Dem muss man entgegensteuern!





Organisation – die bunte Seite von Kraftwerk

Wer denkt, dass Kraftwerk ‘nur’ Mitbegründer des House und späteren Techno seien, wird überrascht sein. Wer denkt, dass der berühmte Sound aus dem Nichts kam, der muss umdenken.

Trotz der anhaltenden Wiederentdeckung und Musealisierung von Kraftwerk als audiovisuelles Kunstwerk – man denke hier an die drei Münchener Konzerte im Oktober vergangenen Jahres sowie die acht MoMA-Shows – scheinen die Ursprünge des Ganzen beispielsweise in der Vorgängerband Organisation selbst unter Anhängern eher unwichtig. Auch Ralf Hütter als letztes verbliebenes Gründungsmitglied hat seine Probleme mit seinen vier Frühwerken Tone Float, Kraftwerk, Kraftwerk 2 sowie Ralf & Florian. In “Der Katalog” ließ er die drei genannten Kraftwerkalben außen vor, verkauft wurde das Ganze dennoch als “Gesamtausgabe” oder “Werkschau”; höchstens angemessen im Sinne der Mensch-Maschine, der vermeintlich kühlen Roboterband mit dem Sound, der mit Autobahn ausgereift schien. Die Grenze wurde am Übergang von akustischen Instrumenten zum Synthesizer gesetzt – als ob das Instrument die grundlegende Herangehensweise an Musik geändert hätte. Schließlich betont Hütter selbst in einem Interview, dass auch ein Mikrofon nur ein Medium ist, was unterschiedlich benutzt werden kann – ein Gemeinplatz, sollte man meinen. Nundenn, möge uns der Blick zurück zu tieferen Einsichten führen.

Ende der 60er Jahre begannen die beiden Studenten Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben ihre klassische Instrumentenausbildung für experimentelle, improvisierte Musik zu nutzen. 1970 mündete das in einen Longplayer, der nach meinem Ermessen auch völlig anders instrumentiert oder arrangiert hätte ausfallen können, eine in Form gegossene Jam-Session. Auch die anderen Musiker der Platte scheinen zufällig, die Besetzung des Duos+x Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer musikalischer Konzepte
wechselte stets. So waren es bei der ungewöhnerlicherweise in Großbritannien veröffentlichten LP Tone Float drei Künstler, die ansonsten eher eine Fußnote der Musikgeschichte scheinen: Butch Hauf, Fred Monicks sowie Basil Hammoudi, der immerhin noch eine Aufnahme im Repertoire hat, Ibliss’ Supernova . Dieses Album ist einen Blick wert, auch wenn es zwei Jahre nach Tone Float erschien und in Sachen jazznahem, psychedelischem Krautrock wenig originäres geschaffen hat; immerhin spielt dort Andreas Hohmann mit, der auf Kraftwerk I mitwirkte; zudem war auch hier Conny Plank der Soundtechniker im Studio. Direkte Einflüsse herauszulesen ist natürlich nahe an der Kaffeesatzleserei, man darf es aber im Hinterkopf behalten beim Anhören von Organisation und den frühen Kraftwerkplatten.

Ibliss – Supernova (1972)

Doch nun zu Tone Float, dem bunten Erstling von Hütter und Schneider. Gerade Hütter, dem stets beherrschten, auf das Image und Gesamtkunstwerk bedachte Kopf der Truppe traut man ein derart mäanderndes Album kaum zu. Es ist eher ein ausgedehntes Improvisorium, krautig im besten Sinne, Musik ohne Ziel oder Plan. Die Stücke scheinen sich unterm Spiel zu entwickeln, Strophen oder Refrains gibt es nicht, eher das Konzept von Motiv und Paraphrase. Was für ein Unterschied zu den späten Kraftwerk!

Das Album benötigt zehn Minuten um in Fluss zu kommen. Zuvor zirpt, trommelt, dingelt es beinahe arhythmisch. Flöte, Orgel, Bongos und Bass finden sich langsam zusammen, spätestens ab Minute drei wird der Sound nahbar, eine Jamsession in tropischer Nacht, eine Art kreativer Soundcheck. Nach einem kurzen Moment des Verschnaufens bei Minute sieben geht es ans Wiederaufbauen, die Klimax, die um Minute zehn in den Teil des Songs mündet, den man am Ehesten als solchen erkennen würde. Erst hier gibt es eine Melodie im eigentlichen Sinne, während zuvor auf klassische Elemente eines Songs verzichtet wird. Milk Rock steigt dagegen fast wie ein Madchestersong ein, grummelnde, doomige Basslinie wie später bei Joy Division. Und dazu eine Querflöte, wie man sie wohl selten hört: Nahe am Absturz, teilweise eher wie ein Gesang mit Panzertape auf dem Mund. Die anfangs ausgesetzte Melodie bleibt stets im Hintergrund präsent, der vielleicht “klassischste” Song von Organisation.

Organisation – Tone Float (1970)

Silver Forest, eher ein Filmstück denn ein Song. Suspense, alle Instrumente halten sich lange im Hintergrund bis die Orgel sich in den Obertönen beunruhigend fiepend in den Fokus schiebt. Verdammt nah dran an Pink Floyd. Dazu ein Zitat aus Man Machine and Music, Seite 24: “Later in 1975, Lester Bangs asked Hütter if Kraftwerk felt a debt to Pink Floyd. ‘No’, he replied, ‘It’s vice versa. They draw from French classicism and German electronic music.’”

Irgendwie ist das Album typisch für den psychedelischen Sound dieser Jahre, das halbe Lineup von Woodstock nutzte Bongos, eine Orgel gehörte zum guten Ton. Die Arrangements sind zum Teil dem Jazz entlehnt – wie auch Ibliss’ Supernova -, die Variation der Motive ist ständiges Stilmittel. Die Percussion ist zum Teil wild, zum Teil nur ein zurückgenommenes Klangmuster, vor allem in den Passagen wo Stille gefragt ist, wie bei Noitasinagro; aber auch dieser Song löst sich am Ende in chaotisches Wohlgefallen auf, die spätere Disziplin ist noch nicht derart ausgeprägt. In gewisser Weise darf man also Linien von Organisation zu Kraftwerk ziehen: Produzent Conrad Plank, der Pylon als Bandlogo, Andreas Hohmann, Ruckzuck, Florians Flöte als Quasi-Synthesizer, zum Teil bereits der Einsatz von Stille und Pause um Spannung aufzubauen. Aber man sollte den Schnitt nach Kraftwerk II anerkennen, weg vom psychedelischen Krautrock hin zu einer neuen Ästhetik.

In Sachen Pionierdasein empfehle ich den Genuss der unten verlinkten Dokumentationen. Da gibt es profunde und kenntnisreichere Informanten als mich; dennoch ein Satz dazu: Hütter und Schneider waren stark beeinflusst von einem Kölner Professor und Komponisten, der bereits Anfang der 50er Jahre synthetisch generierte Sounds – also keine klassischen Instrumentierung oder musique concrète – zu erzeugen und nutzen wusste: Karlheinz Stockhausen. Als Einstieg hierzu empfehle ich folgende zwei Interviews. Man kann also davon sprechen, dass Kraftwerk anfing das Medium Synthesizer in einer bestimmten, charakteristischen Weise zu nutzen, mit diesen Versuchen aber nicht alleine war – aus Deutschland selbst kommt mit Tangerine Dream und vor allem Can harte Konkurrenz in Sachen Pioniere. Doch dazu ein andere Mal mehr.

Empfehlungen für weitere Lektüre:

Auszüge aus Pascal Bussy – Man Machine and Music

Swedish Kraftwerk documentation by Makil Bendjelloul.
Wolfgang Flür plaudert aus dem Nähkästchen und wirft einen – wie mir scheint – wehmütigen Blick auf die Reste von Kraftwerk.
24 Minuten, 3 Videos

Kraftwerk, and the Electronic revolution
Lang, aber lohnt.

180 Minuten, 19 Videos

The Story of Kraftwerk
Radiosendung mit Alex Kapranos von Franz Ferdinand

20 Minuten, 4 Videos





Konzertplakate: Paul Gardner

Nachdem die letzten beiden Gestalter ein Faible für kräftige Farben hatten, hat Paul Gardner, der unter der Bezeichnung FloraFauna im Netz unterwegs ist, es eher mit dunklen, gedeckten Farben. Ich versuche durch die Anordnung der Plakate in der Gallerie zu zeigen, dass er sehr unterschiedliche Stile beherrscht, zeichnerisch, Flächenhandhabung, Arrangement; und ich kann nicht sagen, dass einer der drei Stile/Reihen mir schlechter gefiele, ob die eher gemalten, die “technischen” oder die drei Wilcoplakate. Interessant übrigens erneut, welche Bands die Gestalter sich vornehmen. Ich würde inzwischen drei bis vier Wilco-Plakate aufhängen, wenn ich den Raum hätte; und das, obwohl mir die Musik nicht wirklich zusagt.

Bitte auch unbedingt die Plakate in seinem Shop anschauen, da sind noch einige sehr schöne Exemplare dabei, die aber leider nicht als Bilder hier einbindbar sind.

In loser Reihe werden hier Konzertplakate von einem ausgewählten Gestalter vorgestellt. Denn jene sind eigentlich omnipräsent, werden aber nur selten gewürdigt, sodass vielfach die Qualität nachlässt. Dem muss man entgegensteuern!





Was das Musikbloggen schwieriger gemacht hat

In vier Wochen wird dieses Blog sieben Jahre alt. Zeit, ein umfassendes Resumée zu ziehen, denn es hat sich einiges geändert in den letzten Jahren, persönlich und allgemein. Daraus gilt es Schlussfolgerungen zu ziehen, die mir aber noch nicht ganz klar sind.

“Most rock journalism is people who can’t write, interviewing people who can’t talk, for people who can’t read”

Dieses Zitat von Frank Zappa ist natürlich hanebüchen. Rock, Musik im Allgemeinen war schon immer mehr als nur Musik, war immer Ausdruck von Zeitgeist, Gesellschaft, Entwicklung. Und das wurde schon immer auch so erkannt, von den Künstlern, den Schreibern und den Lesern bzw. Hörern. Hier hat sich also nichts verändert.

Was sich verändert hat ist die Inputseite für den Musikblogger. Input heißt: Das Musikangebot – nicht die Anzahl der Bands, ich denke, die war früher auch schon hoch, aber die Verfügbarkeit und der Zugang zu den Bands hat sich stark verändert. Input heißt Werbetexte, also Pressemitteilungen. Input heißt von Autoren-Journalisten-Bloggern geschriebene Texte über das Musikangebot. Die Inputseite ist explodiert.

Was sich für mich persönlich verändert hat

Massiv verändert hat sich, wer darüber schreibt. Außer den Fanzines der Punkära gab es vor zwanzig oder auch zehn Jahren wohl kaum derart viel Text über Musik wie heute. Als ich zu bloggen anfing, gab es immerhin schon den Begriff des Blogs, wie man an meinem unverständlich gebliebenen Wortspiel coltran – gegründet nach einem Bloc Party Konzert – erkennen kann. Es gab auch in Deutschland bereits Musikblogs, das Stehaufmännchen Nico zum Beispiel, die Popnutten, die Stagediven und einige, die zum Teil auch bereits verschieden sind. Es war aber leicht seine Lücke zu finden, es gab etablierte Musikmagazine, die ihre Anpassungsphase noch vor sich hatten und eingefahrene Schienen befuhren und es gab Musikblogs, die einen neuen Blick, eine neue Schreibe, neue Themen brachten. Für mich hieß das: Fokus auf Konzerte in München, denn damals gab es keine Website, die einen übersichtlichen, kommentierten Terminkalender über Konzerte einer gewissen Musikrichtung verschafften. Es hieß rohe, unbehandelte, analoge Konzertfotos, denn die Ästhetik der damaligen Digitalkameras und Fotografen war unerträglich langweilig. Es hieß Bands aus Bayern, die ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hatten, als ihnen in den etablierten Printmagazinen zuteil wurde. Und es hieß leider auch, “den Bands der Anderen” hinterherzulaufen, der Maschinerie zu dienen.

Was ist daraus geworden? Für Konzerte in München gab es ein, zwei Jahre später ein halbes Dutzend professionelle und laienhafte Seiten, die einen umfassenden Überblick bzw. Terminkalender anboten, ich konnte mich also auf die Perlen konzentrieren, keine schlechte Entwicklung. Konzertfotografen gab es bald mehr als es Autoren gibt, auch Leute, die wirklich ihr Handwerk (auch digital) verstehen und fantastische Fotos machen wie beispielsweise Andre. Ich befand mich alsbald in dem Zwiespalt, dass ich Fotos eigentlich nur bei mir zusagenden Bands machen wollte, aber keine Lust auf den Akkreditierungsmarathon hatte, mir also die guten Positionen verwehrt blieben. So reduzierte sich auch dieser Part meines Blogs. Bands aus Bayern wurde eher zu Bands aus Deutschland: Der Music Alliance Pact war die wohl beste Sache, die mir widerfahren ist. Er ist zwar als Leser nicht unbedingt sehr übersichtlich, aber es lohnt sich immer wieder, davon bin ich immer noch fest überzeugt.

Die Kakophonie der Pressemitteilungen

Und “die Bands der Anderen”? Zum Glück habe ich diese Mühle hinter mir gelassen. Es ist unglaublich, wie viele Pressemitteilungen jeden Tag bei mir reinflattern. Und es ist eine Schande, wie viele Blogs sie hinausposaunen, sich zum Erfüllungsgehilfen eines Geschäfts machen. Versteht mich nicht falsch, es gibt Labels, die sind auch dies wert, weil sie einfach wahnsinnig gute Arbeit machen, Herzblut und privates Geld in die Bands und deren Platten stecken und damit nicht reich werden. Aber der andere Teil der Mails ist ein müdes Gähnen, Auszüge aus einigen Mails, die heute eingegangen sind: “Pre-Order Jack White’s Debut Album”, “Jägermeister Schubrakete- Zu Deichkind auf die Bühne”, “CARTER TUTTI VOID: neues Video”, “neues Video: BETH JEANS HOUGHTON & THE HOOVES” oder “Reminder: Tourankündigung Listen To Polo”. Ich lösche sie alle ungelesen, allein der Caps-Lock rechtfertigt das. Und “friendly reminder” sind das Allerletzte.

Wir sehen, auf der Inputseite stehen hunderte sinnloser E-Mails, aus denen man als Blogger die persönlich adressierten, privaten Anfragen rausfischen soll. Ich muss mich entschuldigen, das schaffe ich nicht mehr, daher lese ich fast keine Mails auf dem offiziellen Account mehr, das war vor einem Jahr noch nicht so. So schafft es der Wahnwitz der Promomitteilungen die wirklich guten und interessanten Mails zu untergraben. Vergesst Pressemitteilungen.

Die Vielfalt der Meinungen und Inhalte

Doch die Explosion war auch auf der Autorenseite stark, die Entwicklungen sind natürlich reflexiv und selbstverstärkend. Die Anzahl von Blogs in den letzten drei, vier Jahren ist dermaßen gestiegen, dass es nicht mehr einfach war als ein Blogger, dessen Grundlagen und Interessen sich veränderten, seine Nische zu finden, die man gerne und ausdauernd beackern möchte. Auch die Ziele der Blogs fingen an, sich beträchtlich zu unterscheiden. Um es mit den Worten von No Song Unsung zu sagen:

“I don’t think all music blogs necessarily have to consist of “good writing”, whatever that means. There are different blogs that serve different purposes. There’s the blog that shares music videos or the photo blog that only contains pictures. There are blogs that cover music news, blogs that share random thoughts…and so on.”

Und die negativen Folgen davon sind allerortens sichtbar, der Prozentsatz bspw. an guten tumblr-Musikblogs ist einstellig. Dazu der Idolator:

“As the audience for music blogs has expanded, the wordcounts of posts have shrunk, and the commenters have gotten meaner and greedier. Instead of the kind of thoughtful and occasionally heated discussion that was once the norm, we are now treated as heretics if we fail to bestow upon our readers the free music they feel they deserve. Forget good writing—music blogs have chased the lowest common denominator so aggressively that anything longer than a blurb merits a “tl;dr.”

Der Decibel Tolls zur selben Sache:

“Blogs tend to jump on the same buzzword bands, chew them up, and spit them out. The result – thousands of blogs on the Internet writing about the exact same shit. The idea of a “marketplace of ideas” flies out the window…”

So weit, so richtig. Es gilt also, einfach über das zu schreiben, was einem beliebt. Damit könnte dieser Artikel eigentlich zu Ende sein. Doch nicht, wenn ich die Konsequenzen für coltran bedenken möchte, denn ich schrieb ja auch die letzten Jahre nur über das, was mir gefiel. Aber nicht oft genug, finde ich.

Ein letzter Versuch

Nachdem ich diesen Artikel gefühlt alle Jahre erneut schreibe, muss der Fehler ja auf meiner Seite liegen. Da ich nun anfangen werde zu arbeiten und sich mein Tagesablauf stark ändert, wird nun einen letzten Anlauf geben, in diesem Blog das zu schreiben, was ich wirklich möchte. Ich möchte unterhalten, informieren, eventuell mal einen Diskurs anstoßen, kontextuieren, interpretieren statt beschreiben und verlautbaren. Und ich möchte in meiner Plattenkiste kramen, die kaum aktuelle Bands enthält, sondern oftmals Werke, die älter als ich mit Baujahr 1983 sind.

Und zugleich den Spagat schaffen zwischen zwei Aspekten, die illustriert anhand eines Zitats diesen Artikel beschließen sollen. Wir sehen uns drüben.

“I have probably spent more time reading about [insert random band here] than I have actually listening to them.” Burstor Bloom

 





Die unergründlichen Wege eines Stammgastes

Zu meiner Zeit als DJ im montäglichen Münchner Nachtleben hatte ich einen Stammgast, der jeden Montag ins Valentinstüberl tingelte. Er war ein etwas verkniffener Typ, Lennon’sche Nickelbrille, schütteres Haar mittellang getragen, hellgrauer Trenchcoat und Alukoffer als Accessoires. Irgendwann stand er montags immer an der Bar, mir gegenüber, trank sein Pils, unterhielt sich mit niemandem und schaute dann und wann auf die Videos, die ich an die Wand warf; Mario Speedruns oder Bob Ross, je nach Laune und Musikart. Nach einigen Wochen nickte er mir jedes Mal freundlich zu, sobald ich Blickkontakt mit ihm aufnahm – was angesichts seiner Platzwahl recht häufig war. Eines Tages kam er zu mir hoch, stellte sich kurz vor und beglückwünschte mich zu meiner “stets herausragenden Musikauswahl”; sie sei wesentlich durchdachter und reifer (sic!) als die anderer DJs. Nunja, ich hatte zwar schon damals ein Faible für etwas obskurere Musik, spielte aber auch gerne und häufig den sog. Indie-Mainstream. Ab da kam er jede Woche auf einen Schwatz zu mir, stieß mit mir an und verließ danach meist die Örtlichkeit.

An einem Abend, an dem ich zugegebenermaßen etwas beschwipst war, hatte er ein Geschenk für mich dabei, eine CD. Dazu erzählte er mir von seiner Arbeit, er sei nämlich Produzent und habe in den 70ern wichtige Bands betreut. Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug, da nachzuhaken, was mich heute noch ärgert. Nachdem er mich nochmals gelobt hatte, dass mit Vinyl aufzulegen die richtige Wahl sei – was er mir anhand zahlreicher technischen Details erläuterte – musste ich mich wieder der Musik zuwenden, immerhin war die aufgelegte Platte bereits komplett durchgelaufen. Als ich mich wieder zu ihm umdrehte, war er weg.

Da ich zu der Zeit recht eingespannt war, lies ich die CD erstmal ruhen und dadurch verschwand sie mit der Zeit hinter einem Stapel anderer Aufnahmen in meinem kleinen WG-Zimmer. Demletzt zog ich sie zufällig wieder hervor und legte sie ein. Und siehe da, er hatte mir Niemen (sprich Njemen) mitgebracht, eine der wichtigsten polnischen Bands des 20. Jahrhunderts, mit Czesław Niemen als Kopf des Vierlings; seine drei Bandmitglieder gelten in manchen Kreisen als die besten Musiker, die Polen hervorgebracht hat. Ich hatte mit der 1972 erschienenen “Strange Is This World” eine der erklärten Vorzeigeplatten geschenkt bekommen, Niemens psychedelische Phase um 1970 herum gilt als die kreativste. Es ist psychedelischer Blues in seiner Reinform, teils trostlos depressiv, teils überkochend energetisch und expressiv, auf alle Fälle aufmerksamkeitsfordernd und nicht gerade zugänglich.

Dies weist ihn als Kind seiner Zeit aus, aber ebenso sicherlich der exzessive Einsatz der Hammondorgel oder auch seine Stimme, ein rohes Organ zwischen Gesand und Schrei, wie es im Soul bspw. James Brown ebenfalls besaß. Zeitlos mir dagegen das variantenreiche Schlagzeugspiel und die verqueren Einschübe von Blech- und Holzbläsern, die man so auch jederzeit von aktuelleren Bands wie Animal Collective, Gonjasufi und Konsorten erwarten kann. Die Nachfolgeplatte “Ode To Niemen” driftete dann bereits in diese Art von großkotzigem Balladenrock ab, die ich noch nie mochte.

Um mehr herauszufinden, studierte ich das fotokopierte Inlay der CD-Hülle, ein paar Pressestatements waren dort abgedruckt, unter anderem von einem Martin Clarke:

Niemen is Polish, although he was born and raised in Belorussia. That much I knew when I first met him. [...] The standard of musicianship in the band is frighteningly high, with every member of the band contributing equally to the overall sound. It is always difficult to record a band which has so much spontaneous freedom endemic in it’s music. I think we have succeeded.

Natürlich suchte ich sofort nach Martin Clarke, der offenbar der Produzent, zumindest aber ein Studiotechniker von Niemen gewesen sein musste; ich fand auch einen in Schottland, ein “sound artist. His work makes extensive use of environmental sound”, was ja passen würde. Doch was kam als Antwort auf meine hocherfreute Anfrage?

Thanks for getting in touch. I’m afraid I’d never heard of Niemen before this morning. He sounds pretty cool though, thanks for alerting me :)

Schade! Ob der Herr, der mir die CD schenkte, mit Niemen beruflich zu tun gehabt hatte? Ob er Martin Clarke war? Ich werde es nicht herausfinden, ich sah ihn nie wieder.





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