In vier Wochen wird dieses Blog sieben Jahre alt. Zeit, ein umfassendes Resumée zu ziehen, denn es hat sich einiges geändert in den letzten Jahren, persönlich und allgemein. Daraus gilt es Schlussfolgerungen zu ziehen, die mir aber noch nicht ganz klar sind.
“Most rock journalism is people who can’t write, interviewing people who can’t talk, for people who can’t read”
Dieses Zitat von Frank Zappa ist natürlich hanebüchen. Rock, Musik im Allgemeinen war schon immer mehr als nur Musik, war immer Ausdruck von Zeitgeist, Gesellschaft, Entwicklung. Und das wurde schon immer auch so erkannt, von den Künstlern, den Schreibern und den Lesern bzw. Hörern. Hier hat sich also nichts verändert.
Was sich verändert hat ist die Inputseite für den Musikblogger. Input heißt: Das Musikangebot – nicht die Anzahl der Bands, ich denke, die war früher auch schon hoch, aber die Verfügbarkeit und der Zugang zu den Bands hat sich stark verändert. Input heißt Werbetexte, also Pressemitteilungen. Input heißt von Autoren-Journalisten-Bloggern geschriebene Texte über das Musikangebot. Die Inputseite ist explodiert.
Was sich für mich persönlich verändert hat
Massiv verändert hat sich, wer darüber schreibt. Außer den Fanzines der Punkära gab es vor zwanzig oder auch zehn Jahren wohl kaum derart viel Text über Musik wie heute. Als ich zu bloggen anfing, gab es immerhin schon den Begriff des Blogs, wie man an meinem unverständlich gebliebenen Wortspiel coltran – gegründet nach einem Bloc Party Konzert – erkennen kann. Es gab auch in Deutschland bereits Musikblogs, das Stehaufmännchen Nico zum Beispiel, die Popnutten, die Stagediven und einige, die zum Teil auch bereits verschieden sind. Es war aber leicht seine Lücke zu finden, es gab etablierte Musikmagazine, die ihre Anpassungsphase noch vor sich hatten und eingefahrene Schienen befuhren und es gab Musikblogs, die einen neuen Blick, eine neue Schreibe, neue Themen brachten. Für mich hieß das: Fokus auf Konzerte in München, denn damals gab es keine Website, die einen übersichtlichen, kommentierten Terminkalender über Konzerte einer gewissen Musikrichtung verschafften. Es hieß rohe, unbehandelte, analoge Konzertfotos, denn die Ästhetik der damaligen Digitalkameras und Fotografen war unerträglich langweilig. Es hieß Bands aus Bayern, die ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient hatten, als ihnen in den etablierten Printmagazinen zuteil wurde. Und es hieß leider auch, “den Bands der Anderen” hinterherzulaufen, der Maschinerie zu dienen.
Was ist daraus geworden? Für Konzerte in München gab es ein, zwei Jahre später ein halbes Dutzend professionelle und laienhafte Seiten, die einen umfassenden Überblick bzw. Terminkalender anboten, ich konnte mich also auf die Perlen konzentrieren, keine schlechte Entwicklung. Konzertfotografen gab es bald mehr als es Autoren gibt, auch Leute, die wirklich ihr Handwerk (auch digital) verstehen und fantastische Fotos machen wie beispielsweise Andre. Ich befand mich alsbald in dem Zwiespalt, dass ich Fotos eigentlich nur bei mir zusagenden Bands machen wollte, aber keine Lust auf den Akkreditierungsmarathon hatte, mir also die guten Positionen verwehrt blieben. So reduzierte sich auch dieser Part meines Blogs. Bands aus Bayern wurde eher zu Bands aus Deutschland: Der Music Alliance Pact war die wohl beste Sache, die mir widerfahren ist. Er ist zwar als Leser nicht unbedingt sehr übersichtlich, aber es lohnt sich immer wieder, davon bin ich immer noch fest überzeugt.
Die Kakophonie der Pressemitteilungen
Und “die Bands der Anderen”? Zum Glück habe ich diese Mühle hinter mir gelassen. Es ist unglaublich, wie viele Pressemitteilungen jeden Tag bei mir reinflattern. Und es ist eine Schande, wie viele Blogs sie hinausposaunen, sich zum Erfüllungsgehilfen eines Geschäfts machen. Versteht mich nicht falsch, es gibt Labels, die sind auch dies wert, weil sie einfach wahnsinnig gute Arbeit machen, Herzblut und privates Geld in die Bands und deren Platten stecken und damit nicht reich werden. Aber der andere Teil der Mails ist ein müdes Gähnen, Auszüge aus einigen Mails, die heute eingegangen sind: “Pre-Order Jack White’s Debut Album”, “Jägermeister Schubrakete- Zu Deichkind auf die Bühne”, “CARTER TUTTI VOID: neues Video”, “neues Video: BETH JEANS HOUGHTON & THE HOOVES” oder “Reminder: Tourankündigung Listen To Polo”. Ich lösche sie alle ungelesen, allein der Caps-Lock rechtfertigt das. Und “friendly reminder” sind das Allerletzte.
Wir sehen, auf der Inputseite stehen hunderte sinnloser E-Mails, aus denen man als Blogger die persönlich adressierten, privaten Anfragen rausfischen soll. Ich muss mich entschuldigen, das schaffe ich nicht mehr, daher lese ich fast keine Mails auf dem offiziellen Account mehr, das war vor einem Jahr noch nicht so. So schafft es der Wahnwitz der Promomitteilungen die wirklich guten und interessanten Mails zu untergraben. Vergesst Pressemitteilungen.
Die Vielfalt der Meinungen und Inhalte
Doch die Explosion war auch auf der Autorenseite stark, die Entwicklungen sind natürlich reflexiv und selbstverstärkend. Die Anzahl von Blogs in den letzten drei, vier Jahren ist dermaßen gestiegen, dass es nicht mehr einfach war als ein Blogger, dessen Grundlagen und Interessen sich veränderten, seine Nische zu finden, die man gerne und ausdauernd beackern möchte. Auch die Ziele der Blogs fingen an, sich beträchtlich zu unterscheiden. Um es mit den Worten von No Song Unsung zu sagen:
“I don’t think all music blogs necessarily have to consist of “good writing”, whatever that means. There are different blogs that serve different purposes. There’s the blog that shares music videos or the photo blog that only contains pictures. There are blogs that cover music news, blogs that share random thoughts…and so on.”
Und die negativen Folgen davon sind allerortens sichtbar, der Prozentsatz bspw. an guten tumblr-Musikblogs ist einstellig. Dazu der Idolator:
“As the audience for music blogs has expanded, the wordcounts of posts have shrunk, and the commenters have gotten meaner and greedier. Instead of the kind of thoughtful and occasionally heated discussion that was once the norm, we are now treated as heretics if we fail to bestow upon our readers the free music they feel they deserve. Forget good writing—music blogs have chased the lowest common denominator so aggressively that anything longer than a blurb merits a “tl;dr.”
Der Decibel Tolls zur selben Sache:
“Blogs tend to jump on the same buzzword bands, chew them up, and spit them out. The result – thousands of blogs on the Internet writing about the exact same shit. The idea of a “marketplace of ideas” flies out the window…”
So weit, so richtig. Es gilt also, einfach über das zu schreiben, was einem beliebt. Damit könnte dieser Artikel eigentlich zu Ende sein. Doch nicht, wenn ich die Konsequenzen für coltran bedenken möchte, denn ich schrieb ja auch die letzten Jahre nur über das, was mir gefiel. Aber nicht oft genug, finde ich.
Ein letzter Versuch
Nachdem ich diesen Artikel gefühlt alle Jahre erneut schreibe, muss der Fehler ja auf meiner Seite liegen. Da ich nun anfangen werde zu arbeiten und sich mein Tagesablauf stark ändert, wird nun einen letzten Anlauf geben, in diesem Blog das zu schreiben, was ich wirklich möchte. Ich möchte unterhalten, informieren, eventuell mal einen Diskurs anstoßen, kontextuieren, interpretieren statt beschreiben und verlautbaren. Und ich möchte in meiner Plattenkiste kramen, die kaum aktuelle Bands enthält, sondern oftmals Werke, die älter als ich mit Baujahr 1983 sind.
Und zugleich den Spagat schaffen zwischen zwei Aspekten, die illustriert anhand eines Zitats diesen Artikel beschließen sollen. Wir sehen uns drüben.
“I have probably spent more time reading about [insert random band here] than I have actually listening to them.” Burstor Bloom