
München hat in Sachen Musikszene ja eher einen Ruf wie Bielefeld als Stadt an sich: Es gibt sie nicht. Dass derartige Schwarzmalerei nicht stimmen kann, liegt auf der Hand. Dass man aber dermaßen damit danebenliegt, ist fantastisch. Also, lasst euch mitnehmen auf eine kleine musikalische Reise nach München, der Stadt, die mehr bieten kann, als man ihr zutraut – und auch mehr, als hier in so ein paar Artikeln vorgestellt werden kann.
Nachtrag: Wie er mir in den Kommentaren verraten hat, hat Flo von fallen/legen auch gerade ein Mixtape mit Münchener Bands zusammengestellt – und siehe da, keinerlei Überschneidung! Wunderbare Sache das!
Beginnen wir mit doch gleich mit dem Sound, der weltweit am meisten Schallwellen verursacht haben dürfte: Munich Bass. Der einzige Vertreter ist Schlachthofbronx aus dem gleichnamigen Viertel. Ebenso global wie die Viehwirtschaft mit ihrem Futtermittel-Fortpflanzungsflüssigkeiten-Fleischhälften-Ringtausch ist auch der Sound der Drei (von denen man allerdings oft nur Zwei auf Bildern sieht…). Eine irrsinnig tanzbare Melange aus Versatzstücken von Musikrichtungen aus aller Herren Länder, die nicht nur global-eklektisch ist, sondern auch als World Bass weltweit verstreute Geschwister im Geiste besitzt. Die Galionsfigur Diplo und insbesondere sein Projekt Major Lazer sind 2009 in den Musikblogs der Welt angekommen, Schlachthofbronx besitzt zumindest in der Szene einen herausragenden Ruf. Wer ihrem Facebookprofil folgt, macht innerhalb weniger Wochen eine Weltreise mit: Südafrika, Skandinavien und so weiter. Zum eiskalten Einstieg in die Szene könnte man sich die Big Up 2009!-Liste von Man Recordings zu Gemüte führen, in der sieben Acts ihre Favorite Tracks des Jahres vorstellen, darunter auch die Schlachthofbronx. Wer genaueres zu Schlachthofbronx wissen will, könnte sich dagegen Wer ist denn … Schlachthofbronx? durchlesen.

Wenn wir beim Partyfaktor in einer ähnlichen Liga bleiben wollen, müssen wir uns Frittenbude ansehen: Ursprünglich aus der Nähe von Landshut sind sie inzwischen in München ansässig, durch ihr Label Audiolith jedoch oft nach Hamburg verortet. Was nicht von ungefähr kommt, denn die Leute aus Hamburg pflegen einen ganz bestimmten Musikstil zu fördern, der von Bratze oder Frank Möller a.k.a Knarf Rellöm bekannt sein könnte: Wuchtiger, tanzbarer Electroclash, zum Teil mit deutschen Texten. Frittenbude passt von diesen Faktoren her genau, auch wenn ihre grundsätzliche Attitüde durch eine klare politische Komponente erweitert wird. Dazu kann man stehen, wie man will, eigentlich spielt das bei der grundsätzlichen Stimmung in den Tracks auch gar nicht die große Rolle, auch wenn es in den Texten und besonders live zum Ausdruck kommt. Wer mehr wissen und hören will, der kann sich beispielsweise den 50 Tracks starken Audiolith-Portfolio-Sampler runterladen, das Porträt bei on3 lesen oder das Bandblog besuchen.
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Frittenbude – Pandabär
Beobachtet man Münchens Musikszene bereits etwas länger, wird man nicht an Amadeus vorbeikommen. Mit vollem Namen Gregor Böhm, ist er sowas wie die hellgraue Eminenz der Indieszene: Five!Fast!!Hits!!! – für mich eher von Amadeus denn von Raffi geprägt, letzterer schlägt sich inzwischen übrigens in London durch, waren das Aushängeschild für Münchener Bands, die im Fahrwasser von Libertines und Co. fuhren. Diverse Vorbandauftritte solo oder mit den Broken Hearts zeigten das musikalische Potential und die Vielseitigkeit des inzwischen 26-Jährigen. Doch mit Elektrik Kezy Mezy macht er wohl die Musik, die am Besten zu ihm passt: Bluesrock. Und zwar von der rauen, wunderbaren Sorte.
Wer mehr über Amadeus lesen will, könnte den Konzertbericht im Vorfeld zu Olli Schmidt lesen, die Porträts bei on3 oder Prinz oder aber sein eigenes Label FlowerStreet Records besuchen.
Denn dort sind inzwischen auch drei weitere Bands unter Vertrag, die Beachtung verdienen: Pardon Ms. Arden, Lucky Fish und besonders Tuó. Während ersterer Dreier bereits seit einigen Jahren in der Stadt mit elaboriertem Indie unterwegs sind – beispielsweise im Babalu, wie ihr hier nachlesen könnt – sind die vier Jungs von Lucky Fish eher Vertreter eines klassischen “The-Sounds”, also eines leichten Britpops, wie er vor drei bis vier Jahren extrem populär war. Für mich am interessantesten ist jedoch die mit Abstand jüngste Band, Tuó. Gerade mal 16 Lenze zählen die zwei Mädels, deren zweistimmiger Gesang so ergreifend schön ist, dass man ihn leicht den USA und ihrem Antifolk-Revival zuschreiben möchte. Akustikgitarre, Trommel, mehr braucht es nicht zusätzlich, um ein Publikum mit für München sehr ungewohnten Klängen zu verzaubern, wie demletzt im Atomic Café. Das Album “Walk on Silence” fängt diese Stimmung übrigens ebenfalls perfekt ein.

Ein bairischer Künstler, dem ich internationales Format sofort bescheinige, ist Johannes Dobroschke alias Dobré. Nicht nur, dass er eine fantastische Stimme hat, die nicht von ungefähr an Sufjan Stevens oder Britt Daniel von Spoon erinnert, er weiß sie auch mit wunderbaren Songs in das rechte Licht zu rücken. Zumeist ist er mit seinen Bandkollegen als Dobré und Sepp Kennedy unterwegs, doch ehrlich gesagt, gefallen mir seine Solosachen noch deutlich besser. Alle Songs des sehr sympathischen Fürstenfeldbruckers und seiner Band könnt ihr übrigens im bandeigenen Musikzimmer anhören und runterladen. Ein etwas umfangreicheres Feature hab’ ich ihm im Zuge seiner Weihnachtsgala im Cord auch schon gewidmet.
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Dobré – The Melody Is A Stranger
Eine ganz andere Klientel bedienen Candelilla, denen ich im November bereits ein umfangreiches Wer ist denn … samt Albumreview zugedacht habe: Rrrriot-Girl-Trash-Pop, Grunge-Punk, you name it. Ambitioniert, durchdacht, expertimentell haben die vier Münchener Damen sich nun endlich zu einem Album zusammengerauft, das ihren Sound auf den Punkt bringt. Eine Band fernab von jedem Mädchengetue, die mit Herzblut selbst produziert, CD-Hüllen gestaltet, mit Aktaufnahmen versieht, siebdruckt und verschickt.

Herrje, es gibt noch so viele weitere Bands, die seitenweise Artikel wert sind, ein paar sollen hier stellvertretend noch kurz angerissen werden: Sickcity dürfte im Moment wohl noch am meisten Potential haben, den Sprung über den Weißwurschtäquator zu schaffen. Post-Nuclear-Highfive-Disco-Schranz nennen sie es selbst, um Schubladen zu vermeiden. Und in der Tat fällt es schwer, einen Einheitssound auszumachen, zum Teil singt “Conan Kowalski” wie Marilyn Manson, um kurz darauf im höchsten Falsett die Gläser zerspringen zu lassen. Indierock mit Emoseele könnte man da sagen. Doch dann hört man “Julia” und ist mitten in einem Walzer – einem Rhythmus, den man übrigens viel zu selten heutzutage hört. Und beim nächsten Lied ist man bei Rocktronik gelandet. Und so weiter. Also auf alle Fälle mal reinhören! Oder meine Bilder vom PLUS anschauen. Oder das Interview in der SZ lesen.
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Sickcity – Julia
Kafkas Orient Bazaar haben nicht nur einen strangen Namen, sondern auch das Talent, aus der Sprachmelange Deutsch, Englisch und Türkisch eingängige bis verschrobene Indietracks zu kreieren. Vier Jungs mit einem eigenen Kopf. Und einer ziemlich kaputten Bandseite. Und nicht genug, alle Songs könnt ihr bei ihrem last.fm-Profil runterladen, was ich hier bereits schon mal euch nahegelegt hatte.
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Kafkas Orient Bazaar – Yazar
Frickel-Funk für Indiekids machen L’egojazz, drei Jungs, die auch mal das meistzitierte Stück Musik der Welt nutzen – das Amen Break – um einen hektischen Beastie Boys-Verschnitt hinzubrettern. Funk ist definitiv immer präsent, jedoch nicht nur in Kombination mit schnellen Punkrapsongs, sondern auch gediegen in Anlehnung an vergangene Red Hot Chili Peppers Momente. Übrigens ebenso wie Candelilla bei Red Can Records unter Vertrag.
Nachtrag: Die neue Version von “Step Into It” sowie der neue und exklusive Song “Ovatime” sind deutlich elektronischer angehaucht als früher. Die Band macht also eine Entwicklung durch – und keine zum Negativen!
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L’egojazz – Step Into It
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L’egojazz – Ovatime
Eine völlig unter dem Radar durchfliegende Band – ebenso ihre maßlos unterschätzte Mutterband Kamerakino – ist Parasyte Woman. Hip Hop / Chinesischer Pop / Easy Listening ist die Selbstbezeichnung, trifft’s zwar musikalisch nicht im Ansatz, aber vom Wirrheitsgrad ist man ganz gut dabei. Betrunken machende Lieder, die an selige “Evig Pint”-Zeiten erinnern. Genug Ideen für zwei Bands, sind aber nur zwei Leute, Relle Büst und Tobias Lämmert.
Und natürlich sind mit diesem kleinen Einblick noch lange nicht alle interessanten Münchener Bands abgedeckt. Wer selbst noch weiter graben möchte, der sollte neben den Konzerten in Locations wie der Glockenbachwerkstatt, dem Babalu oder dem Feierwerk auf alle Fälle die Acts des Sound of Munich Now! abgrasen (Preview und Review bei on3) sowie die Liste der Stadtbands bei Sub-Bavaria beziehungsweise Indiepedia durchgehen. Man wird nicht enttäuscht sein!